Indien ist ein Land, das praktisch alle Klimazonen überdeckt, das Ursprungsland mehrerer Weltreligionen ist, und 15 anerkannte, offizielle Sprachen (neben einigen hundert Dialekten) hat. Obwohl das Kastensytem gesetzlich abgeschafft wurde, spielt es im sozialen Gefüge Indiens noch immer eine überragende Rolle.
Religion und Verhaltensweisen:
Aus der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus,Islam, Christentum) erwachsen Verhaltensweisen, die zu beachten sind: Hindus essen kein Rindfleisch und sind oft Vegetarier, die mitunter auch Eier und Zwiebeln meiden. Moslems essen kein Schweinefleisch und trinken häufig keinen Alkohol. Jains hingegen vermeiden überhaupt jedes tierische Eiweiß und Alkohol. Die linke Hand gilt durchwegs als unrein, und Speisen sollten damit keinesfalls berührt werden. Religion und Tradition haben konkrete Auswirkungen auf das Alltags- und Geschäftsleben - Hochzeitstermine, Vertragsunterzeichnungen, politische Entscheidungen werden auf "auspicious" Termine gelegt, an denen die Sterne günstig stehen. Ein konfirmiertes Flugticket z.B. ist in einem solchen Zusammenhang nebensächlich.
Familienleben:
Der Inder ist nicht gerne allein. Familiäre Bindungen spielen im gesellschaftlichen Leben eine überragende Rolle. Es ist schwer, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu überblicken. "Bruder" oder "Onkel" bedeutet nicht dasselbe wie in Österreich, sondern oft nur Freund oder Freund in der Familie. Familienereignissen wie Hochzeiten oder Todesfällen kommt große Bedeutung zu. Sie stellen gesellschaftliche und geschäftliche Termine in die zweite Reihe. Durch die Gewohnheit, in der Großfamilie zu leben, sind Inder absolut lärmunempfindlich. Proteste gegen Lärm in der Nachbarschaft oder im Hotel stoßen auf Unverständnis und sind sinnlos. Aus dem Familienleben ergibt sich auch das unbedingte Gebot der Höflichkeit gegenüber älteren Menschen.
Einladungen und Gepflogenheiten:
Der Inder ist sehr gastfreundlich. Hauseinladungen sollten nur bei wirklich zwingenden Gründen abgelehnt werden. Neben dem Gruß mit vor der Brust gefalteten Händen ("Namaste") ist zwischen Männern das Händeschütteln gebräuchlich. Frauen wird allerdings oft nicht die Hand gegeben. In diesen Fällen grüßt man durch eine kurze Verneigung.
Europäer sollten es vermeiden, indische Kleidung zu tragen oder mit dem Schuh ihr Gegenüber unabsichtlich zu berühren.
Die zwanglose Unterhaltung, vor allem bei Abendeinladungen, erfolgt immer vor dem Essen, das spät serviert wird. Wegen der verschiedenen Eßgewohnheiten aus religiösen Gründen sind Dinnereinladungen fast immer warme Buffets (auf die Eßgewohnheiten sollte übrigens auch unbedingt bei einem Besuch eines indischen Geschäftsfreundes in Österreich geachtet werden). Unmittelbar nach dem Essen ist die Einladung zu Ende. Die österreichische Sitte des gemütlichen Plauderns nach dem Essen bei Kaffee oder Brandy ist in Indien nicht üblich.
Gastgeschenke sind in Indien im Allgemeinen nicht üblich, bereiten aber trotzdem Freude. Besonders gut kommen ausländische Produkte, z. B. Porzellan, Kristall (Swarovski), Parfum, Whisky, Cognac, etc. an.
Ein einmaliges, langsameres Kopfschütteln bedeutet in Indien ein "Ja" bzw. ist ein Zeichen das Gegenüber verstanden zu haben. Dieselbe Bewegung, allerdings etwas schneller und von einer abfälligen Bewegung begleitet, bedeutet "Nein", was man allerdings von Indern wesentlich seltener zu hören bekommt als von einem Europäer. Der Inder vermeidet es aus Höflichkeit zu widersprechen. "No problem" bedeutet "ich habe verstanden", aber nicht, dass alle Probleme aus dem Weg geräumt sind.
Die Denkweise und das Zeitempfinden des Inders unterscheiden sich vom Europäischen wesentlich stärker, als man dies nach den ersten Gesprächen annehmen würde. Für "Gestern" und "Morgen" gibt es in Hindi ein und dasselbe Wort, d. h. man lebt jetzt und heute. Das schlägt sich auch in der Grammatik gebildeter Inder wieder: „He will call back at 8 o’clock“, kann auch heißen, dass jemand zurückgerufen hat. Was gestern war oder morgen sein wird, ist nicht so wichtig. Gedacht wird nicht so sehr linear/logisch, sondern eher kombinatorisch, sodass nicht immer das zeitlich Erste oder das Wichtigste zuerst besprochen wird - das erfordert Geduld!
Geschäftsleben:
Trotz der gesellschaftlichen Vielfalt wird der Geschäftsreisende in der Regel englisch sprechenden, gebildeten und der westlichen Kultur gegenüber aufgeschlossenen Menschen begegnen. Ein intensiver persönlicher Kontakt ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Gastfreundschaft, die einem entgegengebracht wird, sollte keinesfalls mit Aufdringlichkeit verwechselt werden, wie auch das Europäern eigene Bedürfnis nach einer gewissen Distanz bei Indern wenig ausgeprägt ist. Zu Terminen mit Ausländern sind Inder meist pünktlich und erwarten dasselbe von der Gegenseite.
Der Inder spricht und korrespondiert viel und gerne und erwartet dies auch von seinem Geschäftspartner. Eine trockene Ablehnung eines Vorschlages wird man von indischen Geschäftspartnern nie zu hören bekommen und es bedarf einigen Fingerspitzengefühls, um herauszuhören, wann ein "Nein" gemeint ist. In Verhandlungen sind Hast und Hektik unangebracht. Knappe und harte Statements kommen nicht gut an. Es ist daher empfehlenswert, alles in schriftlicher Form genau und unmissverständlich niederzulegen. Der indische Geschäftspartner gibt nicht gerne zu, etwas nicht zu wissen. Er ist höflich und freundlich auch dann, wenn es sein Gegenüber nicht ist. Die Besprechung von zukünftigen „worst case scenarios“ wird als unangenehm, unnotwendig oder beleidigend empfunden. Andererseits erwartet der Inder Verständnis für unverschuldete Umstände, die für ihn die Nicht-Erfüllung von Vertragspunkten rechtfertigen. Wichtig ist auch, dass nicht alles, was der indische Partner erzählt, für bare Münze genommen wird. Obwohl keine böse Absicht dahinter stecken mag, ist der Realitätssinn oftmals ein anderer. Wunschdenken und Realität klaffen dabei weit auseinander und es ist unerlässlich, sich ein eigenes Urteil über die Durchführbarkeit eines Projektes zu bilden. Das Motto sollte daher "check, check and check again" lauten. Dies trifft insbesondere auf mögliche bürokratische Hindernisse zu, die vom indischen Geschäftsmann, aber auch regelmäßig von indischen Bürokraten unterschätzt werden.
Hinsichtlich der Kleidung im Geschäftsleben haben sich vor allem in der kühleren Jahreszeit (Oktober bis März) in Nordindien Anzug und Krawatte durchgesetzt. In der heißen Jahreszeit bzw. im Süden Indiens ist es durchaus üblich, im Safari-Anzug bzw. in Hemd und Krawatte aufzutreten.
Kritik an indischen Verhältnissen sollte unbedingt vermieden werden, wenngleich auch Inder selbst ihr Land und seine Einrichtungen heftig kritisieren. Auch die bestgemeinten Verbesserungsvorschläge sollten diplomatisch ins Gespräch gebracht werden.